Ein neues Image auf dem Entwicklungsweg zur Großstadt

1963 wurde Leverkusen Großstadt mit über 100.000 Einwohnern. Kunst im öffentlichen Raum sollte der Stadt ein neues, modernes Image geben. Zunächst im Verborgenen und später auch offensiv und medienwirksam präsentierte sich Leverkusen als Sportstadt, Stadt der beschwingten Jazzmusik und Kulturstadt der innovativen nonfigurativen Kunst.

Diese Kunst im öffentlichen Raum sollte das neue Image widerspiegeln. In Parks und vor öffentlichen Gebäuden wurden zahlreiche Kunstwerke aufgestellt.

Die Brunnenskulptur von Alicia Penalba stand einst im Rondell vor dem Schloss, heute steht sie im Eingangsbereich der kaufmännischen Geschwister Scholl Berufsschule
Plastische Darstellung einer Fuge aus dem wohltemperierten Klavier von Henri Nouveau im Klinikgelände

1930 wurde die Stadt Leverkusen durch den Zusammenschluss der Stadt Wiesdorf (1921–1930) mit Schlebusch und anderen Orten mit 40.000 Einwohnern gegründet. Namenspate war der erste Unternehmer in Wiesdorf am Rhein, Carl Leverkus. Die Stadt wuchs kontinuierlich. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs förderte die sehr frühe Wiederinbetriebnahme des Bayerwerks im Jahr 1948 die Attraktivität des Standorts. Viele weitgehend mittellose, aber qualifizierte Flüchtlinge aus den Chemiestandorten in den ehemaligen Ostgebieten bekamen hier eine Chance, sich eine neue Existenz aufzubauen. Die Bedingungen der anderen Chemiestandorte in Frankfurt/Höchst und Ludwigshafen waren deutlich ungünstiger.

Nur 20 % der Wohnhäuser wurden durch das Flächenbombardement in Leverkusen zerstört, während in Köln ca. 80 % der Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auch im Bayerwerk hielten sich die Schäden in einem durch Reparaturen kompensierbaren Rahmen. Viele Menschen kamen daher nach Leverkusen und versuchten hier einen Neustart. Demzufolge verliefen der Wiederaufbau und Neuausbau der Stadt in der jungen Bundesrepublik Deutschland im rasanten Tempo.

Kunst und künstlerische Aktivitäten waren mit der Großstadtentwicklung ein Weg, die unterschiedlichen Menschen zu integrieren und der Stadt ein neues Image zu geben.

Die nonfigurative Kunst hatte in der aufstrebenden Stadt eine unermüdliche und energische Mentorin: die Stadtverordnete Bertha Middelhauwe, die bereits 1951 die Gründung des Museums Morsbroich betrieb. Mit diesem Engagement für die abstrakte innovative Kunst, die die Gestaltung von Materialien, Formen und Farben ins Zentrum des Schaffens stellte, „sollte es (das Museum) dem kulturellen Leben der Stadt auf neues Gebiet“ zur Entfaltung verhelfen.“ Die junge Stadt Leverkusen hatte neben den Metropolen Köln und Düsseldorf mit ihren vielen traditionell ausgerichteten Museen und Denkmälern ein eigenes Alleinstellungsmerkmal in der abstrakten Kunst gefunden. Eine Ausrichtung, die mit den in Leverkusen hergestellten Produkten der stahlverarbeitenden Industrie (Wuppermann) und der chemischen Industrie für Kunststoffe und Farben korrespondierte. Für die Gestaltung dieser Vision wurden beachtliche Mittel bereitgestellt. Leverkusen sollte ein Zentrum für moderne Kunst werden. Ein Plan, der sich auszahlte: Die im Jahr 1963 mit 100.000 Einwohnern in die Liga der Großstädte aufgestiegene Stadt Leverkusen, die andernorts als Chemiewerk mit einer Handvoll Dörfern (FAZ) bespottet wurde, hatte eine „eigene Marke“ mit Skulpturen vor Gebäuden und im öffentlichen Raum etabliert.

Altes Rathaus Aquamobil
Doktorsburg Norbert Kricke
Hans Uhlmann Alkenrath

Repräsentanten der Stadt hielten Kontakt zu den damaligen Kunstgrößen, dem israelischen Künstler Yaacov Agam, Joseph Beuys, Gerhard Richter, Norbert Kricke und Gottfried Gruner. Die Museumsleitung aus Morsbroich betrieb die Kunstankäufe für Skulpturen im öffentlichen Raum. Bevorzugt wurden nonfigurative Skulpturen aus Metall von innovativen Künstlern ausgewählt. Die Skulpturen sollten der jungen Stadt mit den vielen neu errichteten Gebäuden aus Beton und Glas eine individuelle Note geben. Auch das war für die Zeit beachtlich, da man sich andernorts z. B. in den Metropolen Frankfurt oder Köln mit wesentlich kostengünstigeren Stuck- und Farbkompositionen an den Wänden der Gebäude begnügte.

Ganz wichtig war der auf sozialen Ausgleich bedachten Stadtgesellschaft auch der Dialog mit den Bürgern. Kunst als Aktion zum Mitmachen, als Dialog, im Gegensatz zur hohen Kunst, die sich in einem museal abgeschiedenen Raum präsentierte. Kunst, die das Leben der Bürger im öffentlichen Raum begleitete und bereicherte. So gab es im Wasser am Klapperbrunnen vor dem Rathaus eine Surf-Performance, hier stand jedes Jahr auch das öffentliche Zelt der Jazztage für kostenfreie Musikveranstaltungen.

In dieser Zeit unterrichteten auch regional bekannte Künstler an Schulen und die Bayer AG sowie die Wuppermann AG integrierten in bundesweit beachteten Modellversuchen künstlerische Übungen in die berufliche Ausbildung. Kunst wurde zum Markenbestandteil der Stadt.